Mitte/Ende August bis 5.September 2008
So, habe schon so einige Beschwerden gehört, warum denn hier nix mehr geschrieben wird. Um die Wahrheit zu sagen, ich wurde vom Faulheits-Virus befallen seit Ende der Sommerferien. Ich habe natürlich eine Menge Fotos während meiner Japan-Rundreise gemacht (>3000) und viel erlebt, aber seit ich zurück bin in Sengendai, da habe ich irgendwie kein Bock zu gar nichts. Mal davon abgesehen, dass ich mir schon wieder eine kuriose Krankheit irgendwo zugezogen habe: Müdigkeit, Lustlosigkeit, Schmerzen in den Beinen und im Rücken sowie rasende Kopfschmerzen. Da kommt einfach keine Lust zum Schreiben auf.
Aber um mal kurz auf die Überschrift zurück zu kommen, und das ist jetzt interessant für alle, die hier ein Auslandsjahr an dieser Uni machen wollen (oder müssen): Sommerferien hier sind nicht die Trennlinie für Sommer- und Wintersemester.
Was heißt das?
Nun ja, in Deutschland beginnt nach den Sommerferien, also im Herbst, ja immer ein neues Schuljahr bzw. ein neues Jahr an der Uni mit dem Wintersemester. (Erkennt man übrigens daran, dass überall Erstis, wie Fliegen, die einem überall hin folgen, weil man Scheiße am Schuh hat, rumsurren.) Das Uni-Jahr endet dann ein Jahr später vor den Sommerferien, und zwischendurch gibt’s nochmal Winterferien, die Winter- und Sommersemester trennen.
In Japan beginnt ein neues Schuljahr (und somit auch die Uni) allerdings im Frühling (genauer: März/April). Das heißt, dass nach den Sommerferien das Schuljahr bzw. “Unijahr” weiter geht (im Fall der Uni mit dem Wintersemester).
Kurz: In Deutschland fängt die Uni mit dem Wintersemester an und hört mit dem Sommersemester auf. In Japan umgekehrt. (Mal davon abgesehen heißt es hier auch Frühlings- und Herbstsemester, wenn man es direkt übersetzt. 春学期・秋学期)
Wozu nun diese ganze langatmige Erklärung? Naja, es fällt mir, als jemand der mehr als 20 Jahre lang mit dem deutschen Schul- und Universitätssystem aufgewachsen ist und entsprechend sozialisiert wurde, ziemlich schwer zu akzeptieren, dass es A) Hausaufgaben über die Sommerferien auf gibt und B) dass nach den Sommerferien nicht direkt das Wintersemester beginnt, sondern erst nochmal 2 Wochen Restunterricht aus dem Sommersemester nachgeholt werden.
WTF? Diese absurde Regelung gilt übrigens nur für die 別科-Kurse, also für die Japanisch-Sprachkurse für Austauschstudenten. Klasse, oder? Ich kam mir da ziemlich verarscht vor, muss ich sagen. Und natürlich habe ich auch am Montag nach den Ferien erstmal direkt den Unterricht verpasst, weil ich dachte, dass Wintersemester geht sofort los. Denn für’s Wintersemester habe ich extra den Unterricht, der mich zu Tode gelangweilt hat im Sommersemester, aus meinem Stundenplan eliminiert.
Jaja, natürlich hätte ich mir mal meine 出席カード (Stempelkarte für Anwesenheit) genauer angucken können, da steht’s nämlich drauf. Aber als ob ich dieser scheiß Anwesenheitskarte irgendeine genauere Beachtung schenken würde.
Neben diesem Reinfall habe ich allerdings auch noch ein paar nette Erlebnisse gehabt, die ich ein anderes Mal ausführlicher beschreibe. Hint: Onsen in Kasukabe, neuer Mitbewohner, Besuch einer Grundschule (again….), Regen, japanische Wortspiele, Abenteuer in der Bib
Samstag, 6. September 2008
Samstag. Uni. 09:15 Uhr. Raum 01, 2. Etage, Gebäude 8 (R8201). 第二回別科日本語能力試験.
Der Einstufungsstest Japanisch für das Wintersemester (秋学期: eigentlich “Herbst”-Semester, wenn man es genau nimmt) lag an. Hatten wir ja schon mal, nämlich als ich hier im April ankam. Das Testergebnis damals war ja nicht so berauschend gewesen aufgrund meiner starken Erkältung und damit einhergehender Konzentrationsschwäche (was noch milde ausgedrückt ist).
Den Test heute hätte ich auch mit zwei geschlossenen Augen im Dunkel, bei Gegenwind und mit verbundenen Armen auf dem Rücken schreiben können und hätte ihn immer noch mit Leichtigkeit bewältigt. Den Englisch-Test habe ich mir dieses Mal erspart und bin vorher abgehauen, was ich auch durfte im Gegensatz zu den anderen (”Sonder”)Studenten (別科生).
Die Ergebnisse sollten dann in zwei Wochen folgen (siehe unten).
Dienstag, 16. September 2008
Gehse inne Stadt
Wat macht dich da satt
Ne Currywurst
Kommse vonne Schicht
Wat schönret gibt et nich
Als wie Currywurst
Mit Pommes dabei
Ach, dann gebense gleich zweimal Currywurst …
von Herbert Grönemeyer - Currywurst
Motto des Tages (aus deutscher Sicht): Currywurst
Motto des Tages (alle anderen): 食文化交流会 (shokubunka kouryuukai)
Übersetzung: Alle Austauschstudis bereiten ein (traditionelles/häufige aufgetischtes) Gericht aus ihrem Heimatland zu für alle anderen Austauschstudis und die Profs/Dozenten
Ich hatte erst überlegt, ob ich Pizza machen sollte, aber da wir nur Gasherdplatten zur Verfügung hatten, habe ich den Gedanken wieder verworfen. Und dem Vorschlag der Office-Ladies “Was mit Kartoffeln und Sauerkraut” hatte ich direkt mal eine Absage erteilt. Was blieb da noch übrig? Es musste ein einfaches, schnell zubereitbares Gericht sein und da kam mir der geniale Einfall mit der Currywurst. Die Office-Damen waren auch alle direkt mal begeistert von der Idee, auch wenn sie sich nicht direkt etwas darunter vorstellen konnten und ich ihnen erstmal auf der japanischen Wikipedia-Seite über Currywurst zeigen musste. Was ein, zwei gute Bilder doch so ausmachen. Meist mehr als 1000 Worte. Meine Alternativen wären übrigens Frikadellen oder Gulasch gewesen.
Die ganze Vorbereitung mit Auswahl des Rezepts, Zutaten einkaufen, etc. fand natürlich in den Tagen vor dem 16.09. statt. Und ja, ich habe meine Ausgaben alle erstattet bekommen, schließlich war dieser Aktionstag ja von der Uni geplant und nicht von den Studis.
Am Tag selbst gingen die Vorbereitungen gegen 9 Uhr los und zwar mit dem Aufbau der Kochnischen für die ganzen Kochgruppen. Da ich meine eigene 1-Mann-Kochtruppe war, war ich relativ fix fertig. Und da es draußen regnete bauten wir den ganzen Kram im Eingangsbereich von Gebäude 10 auf. Lustiges Detail am Rande: Takako, eine der jap. Studentinnen, die im Club ist, der sich halt mit Austauschstudis befaßt, ist beim Versuch ein Gasschlauch von einem der Herde zu lösen, mit ihrem Kopf voll auf eine Tischkante geknallt (und zwar nicht zu knapp; man könnte sagen “voll auf die 12″) und hat dabei ihre Kontaktlinsen verloren. Und natürlich: wir haben alle gelacht, am lautesten Mika.
Gegen 12 Uhr sollte aufgetischt werden und einige der Chinesen begannen also schon gegen 10 Uhr damit ihre Gerichte anzukochen (wohl wegen der langen Garzeit). Da aber um genau die Zeit der Regen aufhörte, wurde uns nun kurzerhand doch noch “befohlen”, die ganze Bagage nach draußen zu verfrachten, weil im Gebäude wäre das ja viel zu gefährlich mit dem Gas und so. Janeisklar, Atze. Deshalb haben ja auch mehrheitlich japanische Wohnungen Gasherde IN ihren Küchen, weil die so GEFÄHRLICH sind. Logik sollte man in Japan manchmal lieber sein lassen, echt. Naja, machste eh nix, also abbauen, raus mit dem ganzen Mist und nochmal neu aufbauen. 15 Minuten später waren die Chinesen dann auch wieder schön am Rödeln.
Von den Koreanern waren übrigens nur Han-kun, mein neuer Mitbewohner, und I Suru, die Koreanerin, die mit uns hier im Wohnheim wohnt, anwesend und beide hatten meine Idee geklaut: die Ein-Mann-Kochtruppe.
Die Chinesen hingegen waren echt fleißig wie die Bienen und eine Gruppe half der anderen aus wo es nur ging, und wenn es auch nur das Vorkosten war.
Meine Currywurst hingegen war ja von vornherein als Fastfood geplant und irgendwann gegen 11:30 Uhr hatte ich dann so die Schnauze voll den Leuten das immer und immer wieder zur erklären, dass ich einfach mal mit dem Aufsetzen der Curry-Soße began. Leider hatte ich mich ein bisschen mit der Menge verkalkuliert - gut die Hälfte an Würstchen und Soße hätte es auch getan, aber ich war zum Glück nicht der einzige. Denn als gegen kurz nach 12 Uhr sich die ganzen Dozenten wichtig und breit gemacht hatten um die aufgetischten Gerichte, da konnte man schon erkennen, dass wird heute mit Sicherheit nicht alles zum Mittag weggeputzt, da haben wir heute Abend auch noch gut was von.
Bevor wir aber von den 8 Köstlichkeiten aus den 6 verschiedenen teilnehmenden Ländern (Japan [die Office-Damen haben auch kräftig mitgekocht], China, Korea, Vietnam, Neusseland, Deutschland) kosten konnten, musste jede Gruppe ihr Rezept bzw. Gericht kurz auf japanisch vorstellen. Eigenlob stinkt bekanntlich, daher lobe ich einfach mal Nyus (Vietnamesin) Gericht (*köstlich*) und die Vorstellung desselben. Die Chinese hingegen konnte zwar alle ihre Gerichte wunderbar zubereiten und auch gerade noch so den Namen aufsagen, dass war’s dann aber auch schon. Williams (Neuseeländer) Vorstellung habe ich nicht mitbekommen, weil ich gerade irgendwie abgelenkt war von einem der Chinesen, der wissen wollte was ich gekocht hatte *grrr*. Das die zwei (Ausnahme) Koreaner ihre Gerichte perfekt vorstellen konnten, muss ich nicht extra erwähnen, oder? Ich mein, die müssen ja auch nicht diese “Sonder”-Sprachkurse machen, so wie der Rest von uns, sondern können schön den normalen Uni-Unterricht besuchen.
So, dann wurde genüsslich verköstigt was das Herz begehrte. Ein Chinese hatte da auch was ganz interessantes gezaubert, was ich auch unbedingt mal ausprobieren muss: Hühnchen gewokt in Cola (gewokt=mit Wok gebraten/gedünstet). Klingt gut, oder?
Gegen 14 Uhr war das ganze dann vorbei und im Büro der Damen vom Grill bzw. der Office-Ladies stapelten sich die Reste und jeder der mochte und wollte, konnte sich sein Abendessen einer kleinen Plastikbox einpacken und mitnehmen (was ich natürlich auch gemacht habe). Meine Currywurst kam ganz gut an, wobei die “scharfe” Soße nicht jedermanns (bzw. jeden Japaners) Geschmack war. Han-kun hingegen meinte, die Soße wäre zu lasch und ich hätte noch mehr von der extra-scharfen Chili-Soße und den Scharfmacher-Gewürzen rein geben sollen. Aber so sind sie, die Koreaner, sie essen halt gern scharf und würzig und luschen nicht so rum wie die Japaner. 
Ab 14 Uhr standen dann übrigens Beratungsgespräche an. Kondo-sensei bat zum Duell, äh, Duett bzw. Gespräch im unter 6 Augen, im Gespann mit Saegusa-sensei. Jeder Student musste da einzeln durch. Mein Gespräch war allerdings erst für Donnerstag, den 18., geplant daher sah ich dem Rest des Tages gelassen entgegen. Oona-san, die älteste Chinesin (30+) unter den chinesischen Studis, war die erste, die durch die Tortur musste. Und als ich sie 20 Minuten später in der Eingangshalle etwas hilflos sitzen sah, erkundigte ich mich mal vorsichtig nach dem Gesprächsverlauf, auch
als Vorbereitung für mein eigenes Gespräch 2 Tage später. Wie sich herausstellte wurde sie erbarmungslos in die B- bzw. C-Klassen zurückgestuft, wohl aufgrund ihres schlechten Ergebnisse bei der Klausur vom 6. September (siehe oben), so wie aufgrund ihrer Noten im Unterricht. Hauptproblem war wohl (wie bei allen Chinesen, wenn es nach Kondo-sensei geht) die japanische Aussprache, die sie immer noch nicht korrekt beherrschen soll, obwohl sie schon im 2. Jahr hier an der Uni ist und diesen Sonderkurs mitmacht. Entsprechend schlecht drauf war sie und sprach davon, dass sie keine Lust mehr auf diese Uni hätte und lieber wieder Arbeiten gehen wolle. Verständlich. Gerade noch A Kurs und *zack*, weil Kondo-sensei ein kleiner Chinesen-Rassist ist, B- bzw. C-Kurs. *BÄHM* Da konnte ich dann auch erstmal nichts zu sagen und bin nach Hause.
Allerdings habe ich eine ungefähre Ahnung, warum die Aussprache (oder überhaupt das Japanisch-Niveau) der (meisten) Chinesen hier einfach nicht besser wird: die hängen fast immer nur untereinander rum und sprechen nur auf Chinesisch, da kann sich dann ja auch nichts verbessern. *seufz* Zum Glück benutze ich hier Deutsch nur noch, wenn ich im Internet rumhänge, ansonsten benötigte ich meine Muttersprache hier so gut wie nicht mehr.
Nachtrag zu den Würstchen, die ich für die Currywurst benutzt hatte: ihr musst wissen, dass in Japan grundsätzlich alle Lebensmittel in kleinen und kleinsten Packungen abgefüllt werden, was zur Folge hat, dass man hier Rostbratwürste in normaler, d.h. deutscher, Größe de facto nicht bekommt. Die Würstchen hier sind in 7er oder 8er, wenn man Glück hat 15er oder 20er, Packungen abgepackt und ein Würstchen ist gerade mal 1/3 bis 1/4 so groß wie eins in Deutschland. Ergo war das Kalkulieren nicht ganz so einfach, zumal ich außerdem für mehr als 30 Leute kochen sollte. Insgesamt ist es mir aber ganz gut gelungen, denke ich.
Donnerstag, 18. September 2008
10:40 Uhr. Kopfschmerzen von einem anderen Stern. Seit Tagen keinen Alkohol mehr angerührt. Trotzdem Kopfschmerzen. Gespräch mit Kondo-sensei und Saegusa-sensei.
Erstmal wird mir gratuliert, ich hätte mich ja super verbessert im Gegensatz zum Test im Frühling. Damals wäre ich ja gerade mal Nummer 27 von 35(?) Austauschstudenten gewesen. ‘Das ist auch logisch, schließlich war ich so krank, dass ich mich nicht mal erinnern konnte wie man bestimmte Katakana schreibt!!!’ dachte ich da nur bei mir. Und Katakana lernt man an der (dts.) Uni in der 1. oder 2. Woche. Die Ergebnisse konnte man also von einem logisch betrachteten Standpunkt aus gar nicht miteinander vergleichen. Die zwei Dozenten taten es trotzdem und lobten mich, dass es dieses Mal sogar unter die Top 10 (Top 6 sogar, wenn ich mich nicht verzählt habe) geschafft hätte. Aber ich erwähnte ja bereits, dass man Logik hier manchmal einfach nicht benötigt. Wäre toll, wenn das auch für die Gesetze der Physik gelten würde, ich wollte schon immer mal den Fuji-san (Fujiyama ist eine falsche Bezeichnung) hoch- und runterfliegen.
Jedenfalls darf ich in der A-Klasse bleiben und werde eventuell auch in dem Unterricht für Aufsätze in die A-Gruppe versetzt. Wobei die zwei sich da noch einmal beraten wollten, nachdem ich ihnen gestanden habe, dass Aufsätze schreiben so mit das Ätzenste ist, was ich hier machen muss an der Uni und ich es entsprechend nicht besonders mag.
Später habe ich dann im Büro noch meine ganzen Noten für die anderen Klassen erfahren: Alles A, bis auf 2 Bs und ein C. (jap=deu Note: AA=1, A=2, B=3, C=4, E=5, F=6) Das C habe ich im unterirdischen, zu recht völlig unterbewerteten und scheiße langweiligen Unterricht 留学生生活 (das Leben der Austauschstudenten) bekommen. Warum? Nun, ich habe von 5 Tests oder so 3 verhauen (mit 50%, lol), weil ich nie gelernt habe. Und bei einem Test habe ich auf der zweiten Seite bei jeder Frage geantwortet “Weiß ich nicht. Habe ich keine Lust zu beantworten. Ich geh jetzt nach Hause.” Warum dann trotzdem ein C und kein E oder F? Naja, weil ich mich in außeruniversitären Veranstaltungen aktiv eingebracht habe, z. B. das Schrein-durch-die-Gegend-tragen beim Koshigaya-Matsuri (祭 matsuri = Fest) und weil ich anderen Studenten mit Rat und Tat geholfen habe. An ersteres kann ich mich erinnern (und da kommt auch noch ein Bericht zu, versprochen), aber an letzteres?! *lol*
Woher ich diese Details weiß? Nun ja, jeder Dozent ist angehalten über jeden Studenten im Unterricht seine Einschätzung in einem Mini-Bericht festzuhalten und die durfte ich einsehen. Was im Übrigen in diesem Jahr zum ersten Mal den Studenten erlaubt ist. In den Jahren vorher durften diese detaillierten Bewertungensprofile der Dozenten nicht von den Studenten selbst eingesehen werden. Aber wozu ist ein Bewertungsprofil gut, wenn derjenige, der bewertet wird, keine Einsicht erhält. Wie soll er dann wissen was er falsch macht, was er richtig macht, was er besser machen könnte, etc.? Mal wieder keine Logik vorhanden, aber das Thema hatten wir ja schon zur genüge heute.
Bis zum nächsten Eintrag; meine Finger bluten und ich will mich noch ein bisschen Ausruhen bevor morgen mein Geburtstag ist und ich wieder ein Jahr älter werde. *seufz*