April 2008 bis heute
Heute werde ich mal so meine allgemeinen Beobachtungen zum Besten geben, die mir im Verlaufe meines Aufenthalts hier so aufgefallen sind. Natürlich ist das keine vollständige Aufzählung und mir werden bestimmt noch einige Dinge ein- und auffallen, die ich bisher irgendwie verdrängt oder übersehen habe. Die Überschrift für diesen Artikel hätte übrigens auch “Auch in Japan gilt: ‘Es ist nicht alles Gold, was glänzt’ oder ‘Japaner sind auch nur Menschen’” lauten können. Na dann mal los.
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Auch in Japan kacken Hunde auf die Straße. Allerdings entfernt der Hunde-Halter das in der Regel. In der Regel, also Ausnahmen inbegriffen.
Auch in Japan hupen Autofahrer gerne mal, wenn es brenzlig wird. Oder auch einfach nur, wenn es ihnen nicht schnell genug geht und sie es eilig haben.
Auch in Japan hat der Verkehr so seine Tücken.
Auch in Japan pissen Besoffene gerne mal ins nächst beste Gebüsch oder an den nächst besten Zaun/Baum/Auto/Blumenkasten. Gerne auch mal um 12 Uhr Mittags an einem Mittwoch, direkt vor dem Pachinko-Laden am Bahnhof.
Auch in Japan schlafen Stockbesoffene immer genau da, wo sie gerade umfallen, z. B. auf öffentlichen Klos, der Wiese am Fluss oder im Zug auf dem Weg nach Hause.
Auch in Japan schreien, kreischen und toben kleine Kinder Zeter und Mordio wenn es nicht nach ihnen geht und ihre Mami und Papi ihnen nicht das passende Spielzeug oder den Süßkram kaufen, den sie jetzt sofort haben wollen.
Auch in Japan gibt es Rush-Hours im Supermarkt, in denen sich lange Schlangen bilden. Allerdings schreit hier niemand “Hey, macht mal noch ne Kasse auf! Wozu werdet ihr hier eigentlich bezahlt, ihr faules Pack?!”. Und ja, in der Rush-Hour sind besonders häufig ältere Mitbürger anzutreffen, aber wen verwundert das?
Auch in Japan ist das TV-Niveau beklagenswert. (jap. TV-Guide, jap. TV-Werbespots und (natürlich
) Robpongi - Japanese TV Online Videos)
Auch in Japan arbeiten Polizei und Feuerwehr (respektive Notärzte) rund um die Uhr (lies: alle zwei, drei Tage ist hier gegen Mitternacht, oder gerne auch mal um 1 oder 2 oder 3 Uhr Nachts ein Einsatz, bei dem die mit Sirenen und allem Piepapo durch die Nachbarschaft rasen).
Auch in Japan gehört es sich, dass im universitären Unterricht die Mobiltelefon abgestellt gehören. Oder zumindest in den Lautlos-Modus (マナーモード). Ansonsten passiert es, dass (Universitäts-!!!) Dozenten das Handy einsacken, wenn es im (Sprach-)Unterricht klingelt. Auch dann, wenn die Eigentümerin eine Mutter mit minderjährigen Kind (im Grundschulalter) und ggf. auf das mobile Telefonieren angewiesen ist. Genauso verhält es sich übrigens mit Bildern und Notizen, die man vor sich hin kritzelt, weil der Unterricht mal wieder scheiße langweilig ist. Ok, man könnte jetzt argumentieren, dass das gut ins Gesamtbild passt, da man hier als 28jähriger immer noch wie ein Jugendlicher in der Mittel- oder Oberstufe behandelt wird. *seufz*
Apropos Uni: auch in in Japan gibt es diese netten, aber todlangweiligen Vorlesungen, in denen man nur solange anwesend sein muss, bis der Zettel für die Anwesenheit rumgegangen ist. Unterschrift drauf und ab durch den Hinterausgang des Hörsaals in die Freiheit. (Pro-Tipp: die VL ist bei Nohara-sensei)
In Japan können (einige) LKWs, Busse, Krankenwagen und dergleichen sprechen. Die sagen zum Beispiel “Achtung, passen Sie bitte auf, ich bieg jetzt links (rechts) ab!” (oder so ähnlich).
In Japan spielt die Müllabfuhr eine lustige, erheiternde Melodie, wenn sie vorfährt um den Müll abzuholen.
In Japan wird der Müll nicht in Tonnen gesammelt und dann einmal alle X Wochen abgeholt wie in Deutschland, sondern hier wird der Müll in Plastiktüten (oder sonst wie) verpackt, in extra abgetrennte, meist mit Netz überspannten (manchmal auch mit Türen und Gittern versehenen) Abladeplätzen neben/vor den Häusern gesammelt und ein-, zweimal pro Woche abgeholt. Warum die Netze bzw. die Gitter und Türen? Damit Katzen und Krähen nicht an die Mülltüten gehen und diese auseinanderfetzen bei der Suche nach Futter. Btw: Krähen sind die Tauben Japans.
Und auch in Japan gibt es genug Leute, die ihren Müll einfach irgendwo in der Wallachhei oder am Straßenrand unbewacht abladen bzw. hinwerfen.
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Sonstiges
Ich habe hier gerade eine coole Erfindung entdeckt: eine Dose Sake für 150 Yen (180ml), die sich automatisch aufheizt, wenn man den Boden eindrückt. Und ich sage euch, die wird schweineheiß, die Dose. So heiß, dass man sie nicht länger als 3 Sekunden lang festhalten kann ohne sich die Finger zu verbrennen. Ziemlich cool. (Übrigens: warmer Sake ist meist kein allzu guter Sake - aka Aldi-Sake)
Apropos Euro:Yen-Kurs: Verdammte Hühnerkacke, wegen dieser verfickten Weltfinanzkrise ist der Kurs von 1:159 (irgendwann im Juli und August) auf 1:127 (momentan) runtergesackt. Das sind über 30 Yen Verlust pro Euro, oder auch 20% Wertverlust, und das ist schon heftig. Das hier einiges schief läuft, sieht man auch am Nikkei-Index (jap. Aktienindex), der hier in diesem Monat eine wilde Berg- und Talfahrt hinter sich hat und im Moment im Koma liegt. *seufz* Früher war halt alles besser. (Sogar ganze Länder sind nicht mehr sicher vor der Pleite
)
Letzter Satz zum Thema “Wechselkurs”: wer von euch Firefox als Webbrowser einsetzt, der sollte mal einen Blick auf das Addon Dcurrency werfen.

Wirklich sehr nützlich, wenn man im Ausland unterwegs ist oder mit ausländischer Währung spekuliert.
Apropos Weltwirtschafts-/-finanzkrise: in Japan scheint, außer der Börse (siehe oben), das noch niemand mitbekommen zu haben. Warum? Weil die hier Bauen und Renovieren und Machen und Tun wie die Weltmeister! Die ziehen hier in der näheren Umgebung ein neuen Wohnhauskomplex nach dem anderen hoch und teeren die Straßen neu und sind auch sonst fleißig am Investieren in die Infrastruktur. Und überhaupt “Bauen”: das machen die hier fix wie nix - an einem Tag bereiten die da ganze Straßenabschnitte zum neu Asphaltiren vor und am nächsten Tag wird das mal eben ratz-fatz durchgezogen und fettich. Genauso mit den Wohnhäusern. Im Mai haben die am Fluß nahe der Uni gerade angefangen die Erde für ein Fundament zu ebenen. Nach einer Woche (max. 2) fingen die dann mit dem Fundament an und dann ging es Schlag auf Schlag. Das Haus steht seit ungefähr einem Monat, es müssen innen wohl nur noch ein paar Elektronik- und Gas-Wasser-Scheiße-Arbeiten gemacht werden. Im Prinzip könnte man da schon einziehen, wette ich. Und ja, auch hier in Japan gibt es sowas wie ein Richtfest (上棟式 じょうとうしき shoutoushiki: “Fest auf dem Gebäude/Dachfirst”) beim Häuserbau. Ich konnte das gerade noch miterleben, als ich Anfang August (oder Ende Juli?) nach der Uni an der Baustelle vorbei gekommen bin. Wie man sieht, dat geht ruck-zuck mit dem Bauen. Ob das an den lokalen Yakuza-Strukturen liegt oder ob hier die Bauherren einfach nur genug Schmiergeld bereitgestellt haben, weiß ich allerdings nicht.
Apropos Geld: In Japan gibt es keine Arbeitslosigkeit. Hier hat jeder einen Job. Zum Beispiel der Job als menschliche Straßenverkehrsregelungslichtmaschine (aka der Typ mit rotem Leuchtstab) den vorbeikommenden motorisierten und unmotorisierten Mitmenschen freundlich “den Weg zu winken” bzw. Verkehr zu regulieren. Das mag bei großen Baustellen an unübersichtlichen Verkehrsknotenpunkten wichtig und richtig sein, ist aber im kleinen Wohnviertel, wo morgens in der Rushhour gerade mal 3 Fahrräder vorbei kommen, irgendwie überflüssig. Dann wäre da noch der Job als Fahrradparkplatz-Aufseher, der die Fahrräder der Kunden oder Anwohner schon in Reih- und Glied anordnet, damit auch ja jeder Millimeter Platz genutzt wird. Auch schön: der Vor-dem-Pachinko-Laden-den-Bürgersteig-Sauberfegen-Mann. In einigen großen Kaufhäusern gibt’s sogar noch den Fahrstuhlbegleiter.
Und überhaupt: jeder Student hier macht arubaito, also neben dem Studium jobben. Dafür gibt es sogar ganze Kataloge, die man im Buch- und Zeitschriftenläden kaufen kann. Das kann man sich wie Stellenanzeigen in der Tageszeitung vorstellen, nur halt extra für Studenten und auf eine Stadt/Gegend (z. B. Sapporo oder Tokyo) begrenzt. Das wirklich Krasse ist, diese Dinger sind fast so dick wie die Gelben Seiten in Deutschland. Und kommen monatlich (oder sogar 2x monatlich?) neu raus. Die Firmen, vor allem Supermärkte, Kaufhäuser, Restaurants und Snackbars, sind hier wirklich auf diese studentischen Arbeitskräfte angewiesen. Ich behaupte: ohne die würde das System hier zusammenbrechen und das Ende der Welt wäre nahe - naja, zumindest für Japaner und deren Wirtschafts-/Gesellschaftssystem. Warum die keine Vollzeitkräfte einstellen? Vermutlich, weil das wie in Deutschland mit Hartz IV und den 1€-Jobs ist.
Und apropos Wirtschaft und Kaufhäuser (Tipp für Leute, die hier in Saitama/Koshigaya hinziehen oder Urlaub machen!): von Sengendai (/me Wohnsitz) nach Koshigaya (3 Stationen mit der Bahn) und von da zum neu errichteten Mall-Komplex Lake Town (ala Centro in Oberhausen) in nichtmal 30 Minuten (oder so). Über 500 Geschäfte warten auf euer Geld. Ich hab mir da ein paar neue Sportschuhe in meiner Größe gegönnt.
So, alle weiteren Auffälligkeiten folgen ein anderes Mal. Prost.